kann sebastian mit pflege RECHNEN?

Eventuell braucht es noch mehr Zahlen, um es sachlich zu erklären:

Schöner Artikel eines (noch) „Außenstehenden“. – Unbeteiligte gibt es bei diesem Thema nicht: Sebastian schildert seine Reaktionen in Über den Pflegestreik und RECHNET dabei scheinbar sehr gerne. Den verlinkten Artikel zu den Hintergründen des Pflegestreiks sollte jeder mal lesen – dann macht vor allem der Rest dieses Beitrags mehr Sinn. 🙂

Meine kleine Rechenanregung an Sebastian:
Vor und nach jedem Patientenkontakt, nach dem Kontakt mit der direkten Umgebung des Patienten (z.B. Bettdecke, Nachtschrank), nach dem Kontakt mit potenziell infektiösen Materialien (z.B. Wundauflagen, Taschentücher, Urinflaschen, Toilettenstühle) und vor jeder aseptischen Tätigkeit (z.B. Anschluss oder Richten von Infusionen, Blutzuckertests oder Insulingaben) ist jeweils für MINDESTENS 30 Sekunden eine Händedesinfektion durchzuführen – unabhängig davon, ob Gummihandschuhe getragen werden oder nicht. (Quellen: Produktkatalog BODE-Chemie, S. 7f.; Händedesinfektion vor aseptischen Tätigkeiten)

Schon klar, dass das bei 14 Patienten (die zitierten 10,X betreuten Patienten in Sebastians Artikel sind ja wie gesagt ein DURCHSCHNITT) wohl kaum möglich ist?! Und dann gibt es da noch in Deutschland (Vorsicht: Teufelskreis!) wahnsinnig viele Isolationspatienten, bei denen eine spezielle Schutzkleidung getragen werden muss und zusätzliche Maßnahmen nötig werden um die Persistenz und Verbreitung antibiotikaresistenter Keime (MRSA) effektiv zu verhindern. Würde man das Pflegepersonal auf das Vorhandensein von MRSA testen: Meine Hypothese: Das Pflegesystem würde binnen eines Tages zusammenbrechen, da kaum noch jemand arbeiten DÜRFTE! Da muss man glaube ich nichtmal rechnen. So wird es vorsichtshalber auch gar nicht erst getestet und Berichte wie jene der AOK in 2014 zu Behandlungsfehlern erwähnen nebenbei, dass 4% der Krankenhausbesucher diesen Ort allein auf Grund einer Infektion nicht mehr lebend verlassen. (Quelle: AOK-Krankenhausreport: Mehr Tote durch Behandlungsfehler als im Straßenverkehr, 21.01.2014, SpON)

Und noch eine Sache kurz zu den Berechnungen des Zeitbedarfs in Sebastians Artikel. Hier musste ich noch schmunzeln:

…sie ins Badezimmer bringen, dort gegebenenfalls noch unterstützen…

Lieber Sebastian, Patienten werden teilweise nicht mehr in Rollstühle gesetzt oder ins Bad gebracht, da das zeitlich nicht schaffbar ist. Aber auch, da sie das teilweise schon gar nicht mehr können – „Wer rastet, der rostet“; „Use it or lose it“,… – Ist ja alles nicht neu. Kennt jeder. Muss im Krankenhaus aber aufs Exempel immer wieder evidenzbasiert werden: Wenn Patienten es nicht können oder durch „Immobilisierung“ oder multiple Krankheitsbilder verhindert werden: Dann hilft nur noch Pflege/ Waschen/ Essen/ Ausscheidung liegend im Bett… Ein wenig kann man da das Bild der Käfighaltung vor Augen haben, ja. In Krankenhäusern herrscht teilweise Bettenhaltung. – Anders geht es leider nicht. Teilweise fehlen auch einfach Platz und Hilfsmittel – wie eben Rollstühle.

Und um den Bogen zum Pflegestreik zu bekommen, der auf Twitter und dort insbesondere unter dem Hashtag „#Pflegestreik“ die Öffentlichkeit aus Eigeninitiative heraus zu erreichen versucht (-> nach 2,5 Wochen hat heute, am 09.07.2015, der Bayrische Rundfunk mal das Schweigen der Medien gebrochen: #Pflegestreik – Kurz vor dem Kollaps). Diese menschenverachtende Behandlung ist nicht der Faulheit des Pflegepersonals geschuldet oder dessen Boshaftigkeit – Im Gegenteil: Viele Pflegende gehen psychisch daran zu Grunde! Und wenn dann mal eine „misepeterige Schwester“ als Übeltäter auf einer Station identifiziert ist… Dann kommt die BILD und zerreisst sie! – Klar: Es GIBT sie. Da lege ich nicht für alle Kollegen meine Hand ins Feuer. Ich denke sogar es braucht eine neue und starke Pflegegeneration, die das Ganze wissenschaftlicher angeht, aber eins nach dem anderen… Denn: die Aller-, Allermeisten haben doch eine überdurchschnittliche Fach- und Erfahrungskompetenz und vor allem Sensibilisierung für das Erkennen und Erfüllen menschlicher Bedürfnisse mitbekommen und leiden an den Folgen der zwanghaften Unterdrückung dieser sensiblen Eigenschaften. Was dann folgt?: Entweder es kommt der Zusammenbruch und die „Schwester“ ward nicht mehr gesehen (Burn Out) oder es kommt die „misepeterige Schwester“ dabei raus. Dafür hat die Pflegewissenschaft schon vor 16 Jahren eine Selbstdiagnose entwickelt: Den Coolout (Karin Kersting, Coolout im Pflegealltag, PfleGe, 1999). Es ist eine wissenschaftlich nachvollziehbare Entwicklung. Auch damit lässt sich rechnen. Zum Beispiel: Wie viele Auszubildende werden wie lange in der Pflege bleiben können oder besser noch: WOLLEN? – rein dem eigenen Gesundheitsschutz folgend. Hierzu habe ich bereits spekuliert: Wenn PFLEGE-SCHÜLER kapitulieren…

Pflegepersonal hat eine RIESEN Verantwortung. Es ist nämlich ca. 23 Std und 57 Min am Tag für den Patienten verantwortlich! Es muss ihn beobachten und bei Bedarf reagieren. Am besten natürlich der Reaktionsnotwendigkeit durch Prophylaxen, Information und Beratung vorbeugen und: Nur im größten Notfall kommt zusätzlich zu den ca. 3 Min täglicher ärztlicher Visite nochmal ein Arzt hinzu – irgendwann. Blöd auch: Wenn Pflegepersonal im Nachtdienst alleine arbeitet und 20 – 40 Patienten „beaufsichtigen“ soll. – Da kann dann nicht einmal reagiert oder ein Arzt alarmiert werden, wenn ein schwerstkranker Patient still aus dem Bett stürzt, eine Nachblutung, Lungenembolie oder evtl. „nur“ Schmerzen hat…

Kurz heuln und weitermachen. – Damit muss Schluss sein.

Danke Sebastian für DEINE Aufmerksamkeit und DEINEN Beitrag zur öffentlichen Diskussion!

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5 Kommentare

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  3. Sebastian · Juli 9, 2015

    Mit dem wissenschaftlichen Ansatz hast du mich natürlich sofort geködert 😉

    Um ausrechnen zu können, wie viel Zeit für eine angemessene Desinfektion der Hände draufgeht, müsste man natürlich mal überschlagen, wie oft ein Patient am Tag die Zuwendung einer Pflegekraft benötigt. In meinem ursprünglichen Entwurf habe ich die Desinfektionszeit einbringen wollen, war mir dann aber nicht sicher, ob ich für jeden Patienten 10 Minuten veranschlage, oder ob ich mit einer halben Stunde besser dran bin.
    An die Verbreitung von MRSA-Bakterien hab‘ ich in dem Zusammenhang gar nicht gedacht, aber die Anregung ist tatsächlich wichtig. Insbesondere wenn die indirekt in die anzahl der Todesfälle einfließen, die aufgrund des Personalmangels passieren.

    Was die Rollstühle und Badezimmer angeht, muss ich gestehen, bin ich vermutlich ein wenig blauäugig an die Sache herangegangen. Mir hätte allerdings auch klar sein können, dass es einfach nicht machbar ist, gleichermaßen auf alle Patienten aufpassen zu können.

    Ein Punkt, der mir im Moment auf Twitter auch häufig begegnet, ist die Tatsache, dass viele Leute scheinbar in die Pflegeberufe „abgeschoben“ werden, wenn man z.B. beim Arbeitsamt keine andere Verwendung für sie sieht. Zum Ansehen der Pflegeberufe trägt sowas sicherlich nicht gerade bei. Ich kann mir auch vorstellen, dass insbesondere solche „Fachkräfte“ dann ziemlich schnell verschleißen und man die Anzahl ihrer Arbeitsjahre in der Pflege an einer Hand abzählen kann.
    Abschließend ist es wohl so, dass es keine einfache Lösung für die Pflegekrise gibt. Aber solange es noch Pflegekräfte wie dich gibt, die auf das Thema aufmerksam machen und etwas ändern wollen, lass ich die Waffe wohl erstmal im Schrank und hoffe auf das Beste.

    Ach, und wenn hier jemand zu Dank verpflichtet ist, dann wohl ich und jeder andere, der irgendwann mal in ein Alter kommen wird, in dem er auf eure Hilfe angewiesen ist. Also: DANKE für EURE Arbeit! Und dafür, dass ihr die Situation nicht akzeptiert, sondern versucht, sie zu ändern!

    • pflegewecker · Juli 9, 2015

      Naja, Dank denen, die für uns weiterhin auf dem Zahnfleisch gehen. Die haben nämlich größtenteils gar nicht die Kraft sich zu Wort zu melden und Zusammenhalt zu organisieren/ die Öffentlichkeit zu informieren. Wer das BEIDES schafft: Meinen ALLERhöchsten Respekt dafür! Ich bin einer derjenigen, die sich GEGEN Systemerhalt und pro Veränderung entschieden haben und nochmal „neben dem Studium“ gearbeitet haben und dem Bett langsam entwichen sind – um eben dem Coolout zu entrinnen unter anderem: Ich persönlich hätte es unter den Rahmenbedingungen niemals länger als bis 45 in der Pflege ausgehalten (bin 30). – Wenn überhaupt. Und: Ich hatte das große Glück ein Abitur zu haben, was einem in der Pflege bisher NICHTS nützt (internationaler Vergleich benötigter Schuljahre zur Ausbildungszulassung in der Pflege: Ein Zahlenvergleich bei dem Deutschland mal wieder SCHLUSSLICHT ist…), aber ich denke es mangelt der Pflege an Fürsprechern und ein eben solcher kann man auch sein, wenn man gerade nicht „am Bett“ steht.

      Zu Deiner Wahrnehmung „in die Pflege abgeschoben“ zu werden: Ja, das wurde mit Prostituierten, „Schlecker-Frauen“ und „Männern geringer Bildung“ von diversen Politikern versucht – der neueste Vorschlag eines Maschinenschlossers der CDU: „Flüchtlinge in die Pflege!“ – Kein Witz, leider: http://www.welt.de/regionales/baden-wuerttemberg/article143546773/Landtagsenquete-hofft-auf-Fluechtlinge-fuer-die-Pflege.html Während das Pflegesystem langsam sinkt, greifen Politiker nach bereits Beinahe-Ertrunkenen um sich über Wasser zu halten?! Retten um gerettet zu werden? – Sollte dies auf Kosten traumatisierter Menschen geschehen: Eine unmenschliche Lösung unmenschlicher Zustände lässt nur ein Ergebnis zu: unmenschlich und unmenschlich BLEIBT unmenschlich.

      Dass mich keiner falsch versteht (passiert „gerne“): Ich bin FÜR würdevolle Arbeit und Integration von Flüchtlingen. Wenn sie professionell ausgebildet sind und dies WOLLEN: Auch in der Pflege. Aber es darf keinesfalls ein „Ausnutzen“ der Abhängigkeit zu unseren Gunsten GEGEN den Willen dieser armen Menschen ODER gegen die Qualität professioneller Pflege geschehen! Wer Pflege lernen WILL, soll das dürfen: Sprach- und Integrationskurse plus mindestens drei Jahre professionelle Ausbildung! NICHTS anderes ist akzeptierbar.

      Sebastian, wenn Du Dein Umfeld sensibilisierst ist allen schon viel geholfen. Die Betroffenen sind nämlich dummerweise verdammt schwach, alt und ohne Medieninteresse. Und wenn das jeder täte wie Du… Schneeballsystem und so… 🙂 Also deshalb „Danke“.

      • Sebastian · Juli 9, 2015

        Ich würde sagen, dass das euren Job gleich mal um einiges wichtiger macht. Nämlich um den Leuten eine Stimme zu geben, die selbst einfach keine Kraft dafür haben. Egal ob es die Stimme der Pfleger ist, oder die Stimme der Gepflegten.

        Ein Konzept zu Entwickeln, um das Ansehen der Pflege zu verbessern, scheint mir auch relativ kompliziert zu sein. Zumindest, wenn selbst in der Politik das Thema Pflege noch immer nicht ernst genommen wird (immerhin ist der Vorschlag, einfach mal Flüchtlinge in der Pflege einzusetzen wirklich absurd). Anscheinend ist der Kerngedanke der Politik noch immer: Egal ob FSJ, Zivi oder Bufdi, Hauptsache Pflegepersonal kostet nichts. Wie es den Patienten geht, ist ja egal. Entweder werden sie gesund, oder sie sterben. Beschwerden bleiben ohnehin nur am Personal hängen, das ja wirklich machtlos ist.

        Keine Sorge, ich hab‘ deine Intention wohl richtig verstanden. Gegen angelernte Kräfte spricht tatsächlich nichts. Der Vorschlag klingt aber eher danach, Flüchtlinge erstmal einfach so machen zu lassen.

        Nun, ich muss gestehen, dass ich heute die ein oder andere direkte Rückmeldung von „Freunden“ hatte, die sich ziemlich erstaunt darüber zeigten, dass zur Zeit überhaupt in der Pflege gestreikt wird. Ich vermute, Twitter kann als Informationsquelle wirklich mehr leisten, als die meisten Medien.

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