statt streiken: KÜNDIGEN.

Die Pflegenden der Charité bibbern, ob sie denn wohl auch weiter streiken dürften.

– Der Vorstand versucht es mit allen Rechtsmitteln zu unterbinden: Das Grundrecht des Streiks, den Versuch der Pflegenden für ihre eigene Gesundheit zu kämpfen und den Versuch sich für die Gewährung des ersten Paragraphen des deutschen Grundgesetzes für ihre Schutzbefohlenen einzusetzen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Gerichtsentscheidung zu Charité-Streik diese Woche erwartet, berlin.de, 22.06.2015). Es mag die unternehmerische Pflicht der größtenteils als Mediziner ausgebildeten Vorstandsmitglieder sein, doch ihren hippokratischen Eid haben sie damit offiziell beerdigt.

„Doch was wäre, wenn der Streik unterbunden wird?“

Ein Blick zu den Finnen gibt Hoffnung

13.000 finnische Pflegende drohten im Jahr 2007 damit bei Ablehnung der Forderung von 24% mehr Gehalt geschlossen zum 19. November 2007 zu kündigen (Arbeitskampf extrem: Tausende Krankenschwestern drohen mit Massenkündigung, Spiegel online, 29.10.2007). Kurz vor knapp kam es am Tag des Ultimatums zur Einigung: +20% mehr Gehalt! (Tarifkonflikt: Keine Massenkündigung in finnischen Krankenhäusern, Spiegel online, 19.11.2007).

Die Charité weiß, dass Pflege kündigen kann

Erst im Mai 2015 wurde Charité-Pflegedirektorin Möhlenkamp der Zugang zum Vorstand der Charité durch den Aufsichtsrat verwehrt (Chefetage leert sich: Auch Pflegedirektorin verlässt Uniklinik, Der Tagesspiegel, 08.05.2015). Der Vorstand besteht seitdem weiterhin aus einem Mediziner, dem Dekan (ein Mediziner), einem Kaufmann und einem Mediziner als Vorsitzendem. Die Pflege ist nicht vertreten. Mit Möhlenkamps Rücktritt ist die Pflege sogar gänzlich ohne Vertretung in der oberen Führungsriege.

Die „wahren“ Hintergründe sind für den Außenstehenden schwer zu beweisen – aber für eine hohe Fluktuation oder schlechte „Wertschätzung“ ist die Position der Pflegedirektion an der Charité nicht bekannt. Vorgängerin François-Kettner hielt es 30 Jahre lang an der Charité aus und wurde für ihr in diesem Rahmen mögliches Wirken als Teil ihrer Lebensleistung im März 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet (Bundesverdienstkreuz für Hedwig François-Kettner, Charité Website, 13.03.2015). Ob Möhlenkamp bei der Forderung der Berücksichtigung der Pflege im Vorstand der Charité einen altruistischen Beweggrund sah um die Pflege auf Augenhöhe mit medizinischer, wissenschaftlicher und kaufmännischer Leitung zu ziehen und ihre Kündigung ein heroischer Akt voller Charakterstärke und Konsequenz? – Wenn es denn so gewesen ist: Vermutlich wird sie dafür leider nie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet , es lässt sich letztlich nur spekulieren. Fest steht jedoch: Die Charité weiß, dass Pflege kündigen kann.

Da Berliner Pflegende ein Monopol haben, kann ihnen, genau wie den Finnen, nicht wirklich etwas passieren, wenn sie geschlossen zu kündigen drohen: Sie sind in Berlins Gesundheitssystem unersetzbar. In der qualifizierten Pflege herrscht bundesweit Vollbeschäftigung. Es wird sich kein Notfallplan ohne sie aufstellen lassen. Der Pflegenotstand wird der Helfer der Pflege zu einer ganz neuen Verhandlungsposition. Das beruhigt doch irgendwie. – Zumindest die Pflegenden.

Wenn also nichts mehr hilft, bleibt nur noch eins.

„statt streiken: KÜNDIGEN.“

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5 Kommentare

  1. SirSammy · Februar 18, 2016

    Ich selber arbeite auch im Pflegebereich in einer Universitätsklinik. Streiken wird uns nicht weiterbringen, also werden wir zeitnah auch geschlossen kündigen(eine Station). Uns geht es nicht um mehr Gehalt, sonder um bessere Arbeitsbedingungen.

  2. Pingback: “liebe pflegende, IHR SEID VERANTWORTUNGSLOS!” (ein bundesweiter stationsaushang) | pflegewecker
  3. guyhofmannGuy Hofmann · Juni 24, 2015

    Die ärztliche Dominanz, wie hier für die Charite beschrieben, gilt bundesweit für viele Häuser.
    Die Machtposition der Pflege gilt auch bundesweit.
    Dennoch nutzen die Pflegenden das nicht – Beispiel UKSH Kiel. 900 werden gekündigt, nur 150 werden zu neuen (schlechteren) Bedingungen übernommen. Das war’s.

    • pflegewecker · Juni 24, 2015

      Hallo Herr Hofmann, wo findet man denn Infos zum Stand am UKSH / zu Ihren Zahlen? Es wurde ja das Bild erweckt es solle in erster Linie nur das DRK als „Personalvermittler“ mit den dazugehörigen Gebühren ausgeschaltet und das Personal (bei angeblich gleicher Vergütung) „ingesourced“ werden. Dass nach Ihren Zahlen 750 Pflegestellen NICHT wiederbesetzt werden / wurden, kann ich mir einfach nicht vorstellen. – Zumindest nicht ohne Leistungsminderung oder einen Zusammenbruch der Versorgung, wenn die Arbeitsbelastung vorher schon so hoch war wie in Charité und anderen Kliniken – und das schien lt. Presse ja der Fall zu sein… Liebe Grüße, Stefan

  4. Pingback: KOPF – und zahl! | pflegewecker

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