KOPF – und zahl!

Die Forderung ist simpel.

– Das Vertrauen auf die Wirkung des Geldes und die Wege der Macht ungebrochen. Ein Streiktag kostet die Charité mindestens eine halbe Million Euro. Das tut richtig weh, denn: Es ist verdammt schwer für Krankenhäuser grüne Zahlen zu schreiben. Es ist besonders schwer für Unikliniken grüne Zahlen zu schreiben. + 7,5 Mio Euro konnte die Charité in 2014 stolz verbuchen. – Die fließen diese Tage dahin. Und das schmerzt. „Der Senat wird keine Verluste tolerieren“, so Charité-Vorstandschef Einhäupl in der ersten Berichterstattung der tagesschau nach dem Streikbeginn am 22.06.2015, „die Forderungen Verdis würden 36 Mio Euro Mehrkosten bedeuten: Unbezahlbar“ (Tarifstreit an Berliner Charité: Pflegepersonal tritt in unbefristeten Streik, tagesschau.de, 22.06.2015).

Zugegeben: Die Charité selbst KANN das Problem nicht lösen. Sie KANN nicht plötzlich aus dem gehabten Budget den Personalbestand verdoppeln. Sie ist ein wenig der Sündenbock für ein bundesweites Problem – aber nur ein wenig. Denn sie hat bisher genauso mitgespielt wie alle anderen. Sie hat es nicht geschafft gegenüber der Politik einen finanziellen Mehrbedarf durchzusetzen, hat es scheinbar nicht geschafft würdevolle Arbeitsbedingungen und eine würdevolle Versorgung für Pflegende und Gepflegte zu schaffen. – Denn dafür wird nun gestreikt.
Manche Kliniken haben es versucht, doch „erlösrelevant“ war Pflege im seit 2004 scharf geschalteten DRG-System bisher halt nicht. Es zählte nur die Medizin. Und da diese an Unikliniken besonders komplex ist, wurden hier Systemzuschläge politisch eingefordert. Die Pflege blieb gedanklich der Arbeitsesel, der schon noch kompensieren wird.

„Die Pflegenden sind ja auch von Natur aus nett und freundlich – und das reicht doch als Außenwahrnehmung.“

Sogesehen wurde in der Pflege, als größte Berufsgruppe der Kliniken, gekürzt und gefordert – die Pflege hat es schweigend hingenommen. Manche Kliniken mögen versucht haben das Pflegepersonal zu entlasten. Aber es bleibt das ernüchternde Fazit: Sie haben es fast alle nicht geschafft. Bundesweit äußern Pflegende Missstände. Und werden zunehmend lauter.

Es trifft mit der Charité somit keinen gänzlich Unschuldigen, sondern einen „Player“ im System. Noch dazu einen der größten Deutschlands mit einer prominenten Lage: Wo Bundespolitik und Spitzenwissenschaft, die sich zu großen Teilen aus Drittmitteln finanziert, so nah beieinander sind, ist es unwahrscheinlich, dass hier keine guten Beziehungen zu relevanten Entscheidern bestehen. Und wenn Herr Einhäupl sagt der Senat würde keine Verluste zulassen: Was soll er denn tun? Er kann weder den Pflegenden drohen, noch die Charité schließen. Er müsste wohl doch zahlen. Der Ostfriese würde sagen: „Wat mutt dat mutt“.

Es liegt nun an der Charité ein Hilfspaket von Senat und Bundespolitik zu fordern, falls diese nicht von selbst auf sie zukommen sollten um eine Lösung bzw. Gelder anzubieten. Und jeder Tag Verzögerung wird richtig teuer.

Es gibt nur fünf Optionen wie es weitergeht

1) Charité, Senat und Bundespolitik verharren in Angststarre, kein vernünftiges Angebot an Ver.di: Die Charité wird weiter bestreikt. Macht hierdurch ein dickes Minus. Haufenweise öffentliche Gelder werden verpulvert. Es wird irgendwann zu Option 2, 3, 4 oder 5 kommen müssen.

2) Charité kommt Ver.di-Forderungen nach: Es gibt ein dickes Minus in der Kasse. Bundesweit werden Streiks folgen, da ein Präzedenzfall geschaffen wurde. Bundesweite Verluste öffentlicher Gelder durch Streik. Eine bundesweite Reform des Finanzierungssystems muss folgen (= Option 5).

3) Charité kommt Ver.di-Forderungen nach und einigt sich mit Senat auf Finanzausgleich: Es gibt ein dickes Minus im Haushalt des Landes Berlin. Bundesweit werden Streiks folgen, da ein Präzedenzfall geschaffen wurde. Bundesweite Verluste öffentlicher Gelder durch Streik. Eine bundesweite Reform des Finanzierungssystems muss folgen (= Option 5).

4) Die Charité schafft es den Streik rechtlich zu unterbinden. – Doch kann sie auch eine Massenkündigung ablehnen? Siehe hierzu den pflegewecker-Artikel „statt streiken: KÜNDIGEN“. Pflege hat mittlerweile eine Stellung aus der heraus sie neue Wege beschreiten kann – wenn sie es muss. Die Pflegenden an der Charité haben das Monopol der pflegerischen Arbeitskraft in Berlin. Sie sind unersetzbar. Die Stimmung in der Pflege ist auf „Wann, wenn nicht jetzt“ gestellt. Es kommt durch Anwendung drastischerer Methoden wieder zu Situation 2, 3 oder direkt zu Option 5.

Option 5) Die Bundespolitik wird aktiv. Es wird eine Notfallfinanzierung geschaffen um mehr Pflegepersonal einzustellen – insofern dieses überhaupt akquirierbar ist, es wird sich jedoch gemeinsam mit der Agentur für Arbeit, Gewerkschaften und Berufsverbänden darum bemüht. Ein Provisorium zur Personalbemessung wird geschaffen – evtl. angelehnt an die alte PPR. Außerdem wird ein verbindlicher Zeitplan zur Entwicklung eines neuen Personalbemessungsinstruments vorgelegt. Der Streik kann beendet werden. Langfristig gesehen ist dies die volkswirtschaftlich günstigste Lösung.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die Pflegenden an der Charité durchhalten. Bundesweite Unterstützung ihrer Kollegen ist ihnen Gewiss. Dass der Streik in diesem Ausmaß bloß EINE deutsche Klinik trifft, zeigt das der Pflegementalität geschuldete Wohlwollen. Für Kliniken und Bundesregierung, und letztlich für jeden Beitrags- und Steuerzahler, bleibt aber nur eine Option um die Missstände in der Pflege und somit auch in der Gesellschaft zu beheben und größeren volkswirtschaftlichen Schaden zu vermeiden. Die konsequente Umsetzung des Solidaritätsprinzips: Gesunde für Kranke, Starke für Schwache. – Es muss doch nicht immer auf das Unvermeidliche hinausgezögert werden. Ein Pflexitus käme dem Zusammenbruch Deutschlands gleich.

Von den fünf Optionen ist nur EINE die Lösung: Mehr Personal (Köpfe) UND eine angemessene Refinanzierung hierfür.

„KOPF – und zahl!“

Auch schon erkannt bzw. erste Reaktionen gen Option 5:

SPD will Förderprogramm für Klinik-Pflegekräfte verdoppeln, finanznachrichten.de, 23.06.2015

Gute Pflege muss und darf Geld kosten, Mittelbayerische, 20.06.2015

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3 Kommentare

  1. Pingback: METAL-MUSIK ALS WECKER IM PFLEGENOTSTAND? – eine song-interpretation | pflegewecker
  2. Pingback: Die Woche im Rückblick - KW 27 - Herr Pfleger
  3. Heide Helga · Juni 23, 2015

    Hat dies auf Heide Helga rebloggt und kommentierte:
    Nur ein #Pflegestreik wird es erwirken können. #Charitestreik
    #pflegestehtauf

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