wenn PFLEGE-SCHÜLER kapitulieren…

…ist nicht „nur“ der Status Quo der Pflege gefährdet. Es ist die Zukunft der Pflege in Gefahr.

Doch es ist wohl Realität: Die Zukunft der Pflege wird offensichtlich „verbraten“. – Oder käme es sonst zu solchen (Re)aktionen, wie ich sie gestern in einer facebook-Diskussion fand?!:

„Ihr kennt das sicherlich… Akutkrankenhaus , Personal kündigt, sucht sich Jobs mit besseren Arbeitsbedingungen, viele Langzeitkranke mit Burnout, die die bleiben machen überstunden und arbeiten Tag für Tag nur mit Mindestbesetzung. Jeden Tag wird eine Überlastungsanzeige geschrieben mit wenig Konsequenz.

Nun hat sich unsere Pflegeschule mit unseren Schülern etwas gutes ausgedacht, jeder Schüler (100 insgesamt in allen drei Kursen) schreibt eine Überlastungsanzeige und gibt an nichts mehr lernen zu können sondern nur noch schaffen zu müssen. Diese bekommt nicht nur unsere Krankenhausleitung sondern auch der Träger der Schule nämlich die Schwesternschaft vom DRK zu sehen. Wenn sich jetzt nicht mal etwas tut dann weiß ich auch nicht mehr. Vielleicht passt unsere Idee ja auch bei euch.“

(Quelle: Beitrag in der öffentlichen fb-Gruppe „PflegeAktivisten – Veränderungen in allen sozialen Bereichen“, 19.06.2015 [Nachtrag: Leider wurde der Beitrag vom Nutzer (bleibt hier anonym) nun entfernt… Danke trotzdem!])

Was bedeutet das? – Da läuft irgendetwas falsch? Was denn? Sieht es in der Praxis einiger Schüler evtl. „schlecht“ aus? Etwa wie in dieser mich an viele eigene Erfahrungen erinnernden Geschichte einer Bloggerin: „Wenn Ahnungslosikeit auf Ignoranz trifft – System Krankenpflegeausbildung“ (Achtung, für Außenstehende evtl. schockierend!)?!

Ob die (Re)aktion „Überlastung“ bzw. „Frust“ von Pflege-Schülern in der Planung eines in Deutschland zukünftig benötigten Pflegepersonalbedarfs berücksichtigt wurde um unsere Gesellschaft pflegen zu können? Wenn es einen solchen „Zukunftsplan“ denn überhaupt gibt… – Ich bezweifle es eher. Frau Merkel hat ja scheinbar gerade erst den demografischen Wandel entdeckt (Demografie macht Gesundheitsreformen nötig, ÄrzteZeitung, 15.06.2015). „Chefsache: Pflegenotstand lösen“ sieht für mich anders aus. Und die wirksamen Reformen suche ich vergebens. Doch sie drängen in meinen Augen sehr. Überlebensstrategien und positive Multiplikatoren werden so jedenfalls nicht geschaffen.

Eine Diskussion der anfänglichen Situationsbeschreibung in der facebook-Gruppe Junge Pflege Deutschland stößt prompt auf:

„(…) schon probiert, die Darstellung der Situation mittels eines Videos wurde uns von Lehrern und Schule verboten“.

– Überlastungsanzeigen also wirkungslos, offene Kommunikation des Problems nicht erwünscht. Ich frage mich: Sind Lehrer sich ihrer Verantwortung eigentlich bewusst?! – Auf wessen Seite stehen sie? Können sie ihre Schüler nicht „schützen“? Das erinnert mich doch irgendwie alles ganz an meine eigene Ausbildungszeit. Überlastungsanzeigen haben wir vor sechs Jahren auch schon in der Klasse geschrieben…

Die Ausbildung war bei mir so: Fast alle in meinem Kurs hatten Abitur. – Das war ein „Experiment“. Ich weiß nicht zu welchen Schlüssen dieses Experiment genau führte. Wir haben pflegewissenschaftlicher gearbeitet als wir mussten. POL und so… – war ganz nett. Die Praxiseinsätze,.. (…)
Ich schätze, dass mindestens die Hälfte meines Kurses nun nicht mehr in der Pflege arbeitet. Die Rahmenbedingungen waren der Hauptgrund dafür. Genau genommen weiß ich nur von evtl. fünf Personen, dass sie überhaupt noch in der Pflege arbeiten. Drei Interessenten sind schon in den ersten Wochen der Ausbildung weggelaufen. Viele studierten nach der Ausbildung dann Medizin, eine Klassenkameradin ist zum Public Health Studium nach England gegangen, andere studieren irgendetwas mit Management. Die „Ausbeute“ in unserer Klasse für die Pflege „am Bett“ war extrem gering. Aber ich glaube das Abitur war nicht Schuld daran. Mir scheint es auch so zu bleiben…

Eine kurze Umfrage, die ich in der facebook Gruppe „Junge Pflege Deutschland“ startete, ließ von 36 Personen ganze 25% die Frage „Würdest Du wieder eine Ausbildung in der Pflege machen?“ mit „(eher) nein“ beantworten. Das passt ganz gut in meine subjektive Wahrnehmung*, die sich auf dem Austausch mit vielen Schülern und Pflegepädagogen seit 2006 begründet. Es gibt in meiner Wahrnehmung dann von den 75% „(eher) ja“-Sagern wiederum ein Drittel, das im Medizinstudium von der Ausbildung profitierte (Wartesemester, Vorkenntnisse, Jobben) und ein Drittel, das „(eher) ja“ sagt, da es ein toller Beruf wäre, wenn die Rahmenbedingungen besser wären. Bleiben also insgesamt 25% als potentielle Langzeitkandidaten wie in meinem Kurs – ich will nicht wissen wer davon wiederum bald „Rücken“, „Mann“ („Frau“ zu ergänzen wäre korrekt, aber haben wir eine Männerquote?!..) bzw. „Kind“ hat und dann nur noch Teilzeit arbeitet..

Aus etwa 20 Ausbildungs-Startern blieben dann nach 10 Jahren noch ca. 2,5 – 4 VK in der „Pflege am Bett“. Oder ist das zu pessimistisch gerechnet?! Die Ausbeute nach dieser Rechnung ist mau, die Ausbildung unter diesen Rahmenbedingungen irgendwie „unwirtschaftlich“. – Der „wirtschaftliche Einsatz“ der Schüler wird scheinbar nur kurzfristig angestrebt: Sie ARBEITEN statt in der Praxis zu LERNEN. Zeit für einen neuen Zeithorizont „wirtschaftlicher“ Planung!

Denn: Wenn Pflege-Schüler bereits in der Ausbildung kapitulieren, läuft etwas schief in der langfristigen Systemplanung! Wenn Pflege-Schüler kapitulieren, werden sie nämlich gehen. Und wenn Pflege-Schüler gehen… …geht mit ihnen die Zukunft der Pflege! ABER: Es gibt genügend Wege das zu verhindern!!! Packen wir es an. Anstatt die Realität schön zu reden, muss die Realität „schön“ werden!**

*es gibt auch „objektive“ Studienergebnisse, wie z.B. die Studie des IPP Bremen, die besagt, dass 94,4% einer Schülerkohorte wieder eine Pflegeausbildung wählen würden (Pflegeberufe sind besser als ihr Ruf, IPP Uni Bremen, Prof. Dr. Stefan Görres, 2010).

**zum Beispiel: Mit guter Praxisanleitung. Vorschläge gingen von den Betroffenen selbst bereits Ende 2014 an die Politik (Gemeinsame Position der Arbeitsgruppen Junge Pflege im Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) zur Situation der Praxisanleitung in der Altenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege sowie Gesundheits- und Kinderkrankenpflege, DBfK, 16.10.2014)

pflegewecker, weil: Es gibt eine gesetzliche Pflicht Überlastungsanzeigen zu schreiben. Diese ergibt sich aus BGB und Arbeitsschutzgesetz (vgl. Überlastungsanzeige, verdi b + b)! Es ist also keine Heldentat oder „gute Idee“ zum Kommunizieren von Missständen – Es ist eine PFLICHT. Gut informieren und raus damit! Wenn Patienten gefährdet werden, gehört das angezeigt. Wenn die Zukunft der Pflege vergrault wird, gehört das an sich auch angezeigt… – Bitte direkt nach Berlin: Deutscher Bundestag, Hermann Gröhe, MdB, Platz der Republik 1, 11011 Berlin, hermann.groehe[at]bundestag.de .

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